KIRGISTAN: LAND DES SCHNEELEOPARDS VON JACQUES STURM

IN ZEITEN VON COVID19 IST ES SCHWIERIG, ANS REISEN ZU DENKEN. UND DENNOCH, DIE KIRGISISCHEN BERGE RUFEN!

Ein Flug von Genf nach Bischkek via Istanbul, und zehn Stunden später kommen wir in Bischkek an. Es ist mitten am Nachmittag, die Sonne scheint. Dmtri Pavlenko, unser Gastgeber, heißt uns willkommen. Der 55 Jahre alte Kletterer russischer Herkunft und Besitzer einer kleinen Berghütte im Ala Archa Park kennt die Region wie seine Westentasche. Er wurde bereits zwei Mal mit dem Piolet d’Or in den Jahren 1997 (Makalu) und 2004 (Jannu) ausgezeichnet.

Bischkek ist die Hauptstadt von Kirgistan. Es ist auch das politische und wirtschaftliche Zentrum des Landes mit 6,5 Millionen Einwohnern, überwiegend Muslime in ländlichen Gebieten, die unter chinesisch-russischem Einfluss leben. Schnell macht es sich bemerkbar, wie die Sowjetzeit die Kultur in diesem östlichen Teil der ehemaligen UdSSR nachhaltig geprägt hat.

Nach einigen Einkäufen steigen wir in einen alten VW Combi, der uns durch die Schluchten von Ala Archa kutschiert. Nach einer einstündigen Fahrt packen wir unsere Rucksäcke für die zweieinhalbstündige Wanderung zum Nachtbiwak. Der Ort macht seinem Ruf alle Ehre – alles wirkt streng, kalt und provinziell. Wir beeilen uns, die Gasflasche aufzudrehen, um uns aufzuwärmen. Den Brenner haben wir unter einem Steinhaufen platziert, der sich als effizienter Ofen erweist.

Nach unserer Abreise in Genf verbringen wir unsere erste Nacht auf 3362 m in einer wie vom Himmel gefallenen Raumkapsel auf der Moräne des Ak-Sai-Gletschers.

AM NÄCHSTEN TAG WACHTEN WIR UM 4.30 UHR AUF, ABFAHRT UM 6 UHR ZU UNSEREM ERSTEN ZIEL, DER SILIVIASTROV-ROUTE AN DER NORDSEITE DES PIK KORONA, 500 M, 5B (RUSSISCHE SKALA, TD+ / ED-).

Diese Route ähnelt der Route von Rébuffat Terray am Aiguille des Pèlerins, mit 2,5 Stunden Zustieg, 3,5 Stunden zum Gipfel und 2 Stunden Abstieg und dem Ausstieg auf 4500 m.

Am dritten Tag brechen wir zur Ilushenko-Route am Baichichka (4500 m), 5A, auf. Auf uns warten 600 m Schnee und Eis sowie eine perfekte Linie zwischen zwei Granitwänden.

Dmitri weckt uns auf, in dem er die Heizung einschaltet, um uns aus den Schlafsäcken zu locken! Zum Frühstück gibt es Porridge nach russischer Art und anschließend ziehen wir uns an, um gegen 6 Uhr morgens zu einem zweistündigen, steilen Zustieg aufzubrechen. Wir kommen schnell voran, das Seil wird ausgegeben und eingeholt, dann 4 Seillängen WI5, dann weitere 100 Meter über eine 75 Grad steile Schneeflanke und zum Abschluss nochmal 150 Meter mit 50 Grad. Das war eine schöne Route, direkt die Wand hinauf mit einem trockenen Granitgipfel, den man über eine letzte Felsseilänge erreicht.

Am vierten Tag packen wir unsere Rucksäcke für einen Standortwechsel zur Korona-Hütte auf 4300 m, wo wir uns ein paar Stunden ausruhen, bevor wir die Barber-Route klettern: 1000 m, 5b (russische Skala) am Pic Svobodnaya Korea.

Wir bereiteten das Ganze vor, indem wir ein Fixseil installierten, um schneller voranzukommen. Das Wetterfenster ist knapp, und für morgen Mittag ist ein Sturm vorhergesagt.

FREITAG, 1 UHR MORGENS.

Nach einer schlaflosen Nacht in der Korona-Hütte heißen wir drei russische Kletterer willkommen, die von einer neu eröffneten Route auf einem Nebengipfel von Free Korea zurückkehren. Sie hatten 10 Tage mit Auskundschaften, Versuchen, Fixieren und Klettern dieser Route am Simagin verbracht – 800 Meter, 5 Seillängen Mixed- und technisches Klettern bis A3, Bewertungsvorschlag 6A, 800 m (ED / ED +).

Für unser Tagesziel lautet die Strategie, den unteren Part gleichzeitig am Seil zu klettern. Der obere Bereich wird mehr Zeit in Anspruch nehmen, und es ist gut, für den Fall von schlechtem Wetter und Windböen von bis zu 90km/h auf dem Gipfel etwas Spielraum einzuplanen. Nach 7 Stunden klettern haben wir den Gipfel erreicht und laufen möglichst schnell über den Grat zur Abseilstrecke.

Dort oben ist es extrem unangenehm, mit Windböen, Schnee und schlechter Sicht.

Am kurzen Seil gesichert, versuchen wir so schnell wie möglich weiter zu kommen. Die Kante liegt vor uns, eine 800 Meter tiefe Eisrinne, alle 50 Meter mit einer Abalakov-Eisuhr ausgestattet. Nochmal zwei Stunden im Sprühnebel.

Zurück auf dem Gletscher mitten in einem Sturm, Kapuze und Maske tief ins Gesicht gezogen, unternehmen wir einen Abstecher zum Biwak, wo unsere neuen Bekannten vom Vorabend auf uns warten. Es ist 15 Uhr, wir trinken Tee und essen eine in Scheiben geschnittene regionale Wurst, packen erneut unsere Rucksäcke und steigen langsam im Sturm zu unserer Unterkunft ab.

Samstag ist Ruhetag. Zeit zum Lesen, und es gibt die erste Dusche seit einer Woche!

EINIGE STUNDEN SPÄTER ENTDECKTEN WIR, DASS ÜBER NACHT SCHON 15 CM NEUSCHNEE GEFALLEN WAR.

Es hört nicht auf zu schneien und der Wind bläst heftig. Nach dem Frühstück erfahren wir den Wetterbericht für die nächsten Tage per Satellitentelefon. Morgen gibt es ein Zeitfenster für den Versuch einer Mixedroute an einem Pfeiler des Korona – eine 500 m hohe vertikale Wand, die wir einige Tage zuvor entdeckt hatte, mit 200 m über Schneefelder und 60 Grad steilem Eis, 150 m Mixedgelände und 150 m Klettern im vierten Grad.

Dieses Projekt reizt mich, diese mögliche Begegnung mit dem Berg, also mache ich mich auf den Weg, um diese Linie näher zu betrachten. Bei den stürmischen Bedingungen brauche ich 1 Stunde und 40 Minuten, um die Route zu finden, die einen schönen Verlauf hat und kletterbar zu sein scheint. Auf dem Rückweg bin ich in nur 30 Minuten im Ratseka-Lager, um zu berichten, was ich gesehen habe. Die Motivation steigt.

Svetlana hat zum Mittagessen einen leckeren Borschtsch zubereitet.

Den Nachmittag verbringen wir mit Lesen und Schlafen.

Um 5 Uhr morgens stellen wir fest, dass es die ganze Nacht geschneit hat. In diese Höhe ist es nicht möglich, einen Versuch zu starten. Der Schnee ist trocken und rutscht überall die Hänge hinab. Wir beschließen zusammenzupacken und den Standort zu wechseln. Etwas weiter unten kletterten wir einen Eisfall in der Nähe des Weges. Der Schnee auf den Steinen macht den Weg aufgrund der strengen Kälte zu einer Rutschpartie. Wir fühlen uns wie auf einer Eisbahn. Endlich kommen wir am Fuße eines kleinen, 60 m hohen Wasserfalls im 5. Grad an, der noch vom Schnee befreit werden muss. Kleine Schneehäufen haben sich überall auf der eisigen Oberfläche gebildet. Es dauerte eine Weile, aber schließlich hatten wir 60 Meter im Eis in der Tasche.

ZURÜCK IN BISCHKEK

Wieder in Bischkek verbrachten wir die Nacht im Asian Mountain Hotel, begleitet von einigen Gläsern Wodka und sauren Gurken. Ein einfaches Mittel, aber effektiv für die Stimmung!

Am nächsten Tag erreichten wir nach einer siebenstündigen Fahrt im VW Combi das Barskoon-Tal in der Nähe des Isik-Köl-Sees im Süden des Landes. Wir werden in der Nähe eines Sanatoriums der russischen Armee übernachten, das den russischen Kosmonauten zur Vorbereitung und Nachbesprechung diente. Der berühmte Juri Gagarin thront immer noch überall auf den Gängen, sei es als Foto, Büste oder draußen als Straßenschild.

Warum fahren wir in diese abgelegene Gegend? Um Eiskletterrouten mit 1000 Metern und kaltem, trockenem Eis zu finden, sind Bedingungen der „Spitzenklasse“ erforderlich.

Der Plan ist eine Begehung von Tears of the Snow Leopard (1000 m – WI5 +) mit einem Abstieg zu Fuß und Aksal's Beard (800 m – WI4 +) mit einem Abstieg per Abseilen – zwei Eislinien, die aus dem Berg austreten und durch die Schwerkraft angezogen zur Straße tausend Meter darunter verlaufen. Ein unglaublicher Ort mit atemberaubender Schönheit, und als Tüpfelchen auf dem „i“ ist es sogar möglich, vom Gipfel herunterzugehen und das Abseilen zu vermeiden!

Unsere Reise neigt sich dem Ende zu, und der Weg zurück nach Bischkek ist lang bei Temperaturen von -22 Grad Celsius in der Nacht. Ein letzter Tag mit Covid-Tests, Sightseeing und einem perfekten Abend, der am Flughafen endet, wo wir nach dem Abflug ein paar Stunden schlafen können.

Jacques Sturm ist Teil des BLUE ICE EU Sales Teams und begeisterter Bergsteiger, Skifahrer und Alpinist. Seine Leidenschaft und sein Wissen in Sachen Bergsteigen und Eisklettern haben ihn rund um den Globus begleitet.